Tierethik

von Thomas Fehr

Ende des 19. Jahrhunderts hatte Charles Darwin die Idee, dass der Mensch vom Tier abstammt. Die grösste Schwierigkeit dieser Erkenntnis war dabei, dass dies dem etablierten Weltbild, geprägt von der Schöpfungsgeschichte der Bibel, widerspricht.
Noch heute ist die Allgemeinheit befremdet, wenn man den «Menschen» als Tier, als Primat, als Säugetier bezeichnet. Das bedeutet, das wir die Gleichsetzung mit anderen Lebensformen herabsetzend empfinden.
Die kürzlich verstorbene Jane Goodall hat vor rund 50 Jahren nachgewiesen, dass Tiere auch Gefühle hätten und Fähigkeiten (Werkzeuge, Kommunikation), welche man bis da jeglichen Tieren (Pflanzen sowieso) abgesprochen hatte.

Vermutlich gibt es eben viele verschiedene Intelligenzen. Wir sind unbestritten ein spezielles Viech weil wir Schreiben, lesen, rechnen können. Und reden. Wobei es bei den andern Tieren möglicherweise weniger Missverständnisse in der Kommunikation gibt.
Ich denke aber, dass unsere Fähigkeit zur Abstraktion uns ermöglicht gut auf die Bedürfnisse anderer Arten einzugehen. Diese Fähigkeiten ermöglichten die Nutztierhaltung, die Landwirtschaft, die Sesshaftigkeit. Dieser Schritt begründete mitunter unsere Gesellschaft und Kultur. Aber das Resultat unserer weltumspannenden Zivilisation scheint nicht nachhaltig zu sein. Wir verhalten uns eher wie ein Heuschreckenschwarm.

Symbiose bezeichnet die Vergesellschaftung von Individuen unterschiedlicher Arten zum Vorteil für beide Partner. Ich behaupte mal, dass die Nutztierhaltung auch eine Symbiose sei – also eigentlich auch zum Vorteil der Nutztiere.
Als Nutztierhalter frage ich mich darum oft: Was ist gut für uns alle, für die Gemeinschaft.

Aber ich ertappe mich auch immer wieder dabei, wie ich Lebensformen bewerte:
Nun, eine weibliches Herdentier ist für mich wertvoller, als ein Bock. Eine Appenzeller Spitzhaube wertvoller als ein Leghorn. Ein Hund ist wertvoller, als ein Schaf……….
Um die natürliche Selektion zu ersetzen, selektioniere ich Schafe für die Schlachtung. Dabei habe ich (hoffentlich im Sinne einer gesunden Herde), zwangsläufig meine Schafe bewertet…….. 

Die Bewertung der einzelner Lebensformen ist dabei einigermassen willkürlich und subjektiv.
Die Gesetzgebung wiederum scheint überhaupt kein Mühe, oder Zweifel zu haben, verschiedene Arten und deren Haltung festzulegen, zu unterscheiden und entsprechende Haltungsformen vorzuschreiben.
Die Tierwelt wird eingeteilt in Wildtiere, Nutztiere, Heimtiere, Labortiere, welche unterschiedliche Rechte haben, bzw. unterschiedlich behandelt werden müssen. Dabei werden schwammige Begriffe zitiert wie «artgerecht» oder «Tierwohl». Das läuft zum Beispiel darauf hinaus, dass Nutztieren faktisch keinen natürlichen Tod sterben dürfen.
Ausserdem sind die industrielle Produktion (Massentierhaltung), oder sogar Laborversuche für bestimmte Tierarten erlaubt.  Wo bleiben da die Begriffe «artgerecht» oder «Tierwohl»?
Ich meine daher, die Verwaltung legitimiert und fördert offensichtlich die Tierquälerei und die Allgemeinheit setzt diese bequem, gierig und denkfaul um.

Ausgehend von der menschlichen Sicht (eine andere haben wir nicht) teilen wir die Lebensformen vermutlich so ein: Je ähnlicher wie wir, oder wie beziehungsfähig, desto wertvoller. Das Schwein scheint dabei eine Ausnahme zu sein.
Die Natur ist eine Gemeinschaft von unzähligen Lebensformen. Nur miteinander können wir überleben. Dies zeigt sich in symbiotischen Beziehungen, aber auch in der Nahrungskette, «fressen und gefressen» werden. Massvoll wird so  das oekologisches Gleichgewicht erhalten.
Ich glaube daher, das eine anständige, angemessene Nutztierhaltung nicht verwerflich ist. Denn weder ich, noch meine Schafe wollen «zurück» im Wald überleben, bzw. sterben.

Die «umfassende Lebensgemeinschaft» ist die Grundlage für mein Leben. Ich verstehe ich mich als Biotop und als Teil des Gesamtlebens und möchte meiner Umgebung zumindest partnerschaftlich begegnen.

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2. novembre 2025

1 Commentaire

  1. Werner Müller

    Ich teile die Meinung voll und ganz, das eine anständige und angemessene Nutztierhaltung nichts verwerfliches ist.Es ist immer eine primäre Sache der Begriffsklärung. Laut Rudolf Steiner ist die Erkenntis daraus entscheidend und hat Einfluss auf das denken, fühlen und wollen. Was heisst denn artgerecht etc. Diese Fragen für uns Menschen zu klären, ist wichtig. Hier kommt auf den Menschen eine spezielle Verantwortung zu im Umgang mit allen Lebewesen auf dieser Erde. Auch gegenüber den Mitmenschen.

    Danke für Deinen Beitrag Thomas.

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